CHANGE VS. MORE OF THE SAME.

Es geht um Höchstleistungen. Darum, dass exzellente publizistische Angebote – allen Unkenrufen zum Trotz – nach wie vor möglich sind. Und vielleicht auch darum, dass Kreative gerade in schwierigen Zeiten zu allerbester Form auflaufen – so hat Olaf Scholz, erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, einmal den LeadAward eröffnet. Mit dem Aufruf: „Change vs. more of the same“.

Nun sitzen wir in Berlin in der Galerie Crome. Weiße Wände überall und Betonfußboden. Ein Fabrikloft am Checkpoint Charlie, Berlin. Und inmitten der Galerie bittet eine Stimme mit leicht österreichischem Akzent um einen Augenblick Geduld. Ehemals war Markus Peichl Chefredakteur des Kult-Magazins TEMPO. Jetzt steht Markus Peichl als Vorsitzender des Vorstands Lead Academy für Mediendesign einem der wichtigsten Medienpreise der Republik vor. Ein idealer Sparrings- und launiger Gesprächspartner wenn es um Awards, Fotos, Fotografen, Redaktionen und um den BFF geht.

Herr Peichl, allerorten klagen Fotografen und Bildredakteure über den Verfall guter Sitten und dem Verlust an Anspruch bei der Fotografie. Wie fällt Ihre grundsätzliche Bilanz für den letzten Jahrgang aus?

Es wird geklagt. Zu Recht wie ich meine. Erkennbar ist aber auch, die Kreativität scheint sich mittlerweile entgegengesetzt zur wirtschaftlichen Entwicklung zu verhalten – zumindest bei vielen Verlagen und in vielen Redaktionen. Sinkende Budgets führen zu ansteigendem Ideenreichtum.

Das müssen Sie mir erklären.
Offenbar stemmen sich die meisten Macher mit noch mehr Engagement und noch größerer Entschlossenheit gegen die gegenwärtige Entwicklung.
Wenn schon kein Geld da ist, scheint Freiheit in der Gestaltung eine Währung zu sein.

Das betrifft die Gestalter. Wie sieht es bei den Fotografen aus?
Genauso. Ich habe selten einen so starken Jahrgang bewertet als den von 2014/2015. Da waren Arbeiten darunter, da sind Fotografen mit einer Geschichte, einer Idee in Vorleistung gegangen. Und so sind zum Teil unter katastrophalen Bedingungen eindrucksvolle – wie beeindruckende – Fotos entstanden. Fotos die mir in Erinnerung bleiben. Und das bedeutet schon etwas. Inzwischen übe ich die Tätigkeit in einer Jury seit über 20 Jahren aus, allein das sichten und die Auswahl zum Lead Award dauert im Schnitt mehr als zwei Monate. Zwei Monate voller Fotos, Fotos und nochmals Fotos. Da hat man am Ende einen Überblick und bekommt ein Gespür für Qualität. Selten war so viel Emotion in den Bildwelten wie diesmal.

Wenn man Ihnen zuhört, hört man noch immer die Begeisterung für gute Print-Produkte. Sehen Sie denn gar keine Krise?

Natürlich gibt es eine Krise. Ich sehe aber auch immer wieder herausragende Anstrengungen. Und die Chancen. So kann Print auch dauerhaft eine herausragende Rolle spielen.

Woran machen Sie das fest?

Es wird immer ein professionelles Mitteilungsbedürfnis geben. Schauen Sie sich die Apple-Kampagne „Fotografiert mit dem iPhone 6“ an. Selbst das größte und wichtigste digitale Produkt hat eine Print-Kampagne gebraucht, um sich und seinen Nutzern ein Denkmal zu setzen. So etwas schaffen Sie nur in Print.

Fotografiert mit einem Smartphone. Das kann doch nicht der Maßstab sein?
Was bedeutet Maßstab? Wer bewertet das? Das herkömmliche Fotografieren wird doch auf künstlich auf einen Sockel gehoben. Da ist soviel banales dabei, das kann schon einmal unerträglich werden. Ich bon beispielsweise Jury-Mitglied beim PR Bild Award. So etwas schmückt sich auch noch mit dem Anspruch „Die besten PR-Bilder des Jahres aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.“ Grausam, finster und einfach schlecht was ich da zu sehen bekomme.

Bei all Ihrer Erfahrung. Als Chefredakteur, Galerist und Jury-Mitglied. Wie bewerten Sie dann den BFF-Award. Oder das neue BFF-Magazin?
Ich glaube, dass es den BFF – wie auch das BFF-Magazin – in seiner jetzigen Form so nicht bedarf. Die Qualität ist über die letzten Jahre nicht gesteigert worden, eher verloren gegangen. Was bringt ein großes Format wenn die Arbeiten nicht großartig sind. Und die Zeiten haben sich geändert. Die meisten Fotografen ticken heute anders – nehmen ihre Karriere selbst in die Hand. „Change vs. more of the same“. Für jeden Fotografen muss das Mehr vom Immergleichen ein Graus sein. Und das ändert sich. Auch daran zu erkennen, dass es wieder mehr gute Fotoreporter gibt. Fotografen die auf der Straße sind, die etwas wagen. Ich denke, von dieser Generation an Nachwuchsfotografen werden wir noch viel zu sehen bekommen.

Markus Peichl ist ein aus Österreich stammender Journalist, Produzent und Medienunternehmer, der vor allem als Gründer der Zeitschrift Tempo bekannt wurde. Seit 2011 ist er Geschäftsführer der von seinem Lebensgefährten Andreas Osarek betriebenen Galerie Crone in Berlin-Kreuzberg. Daneben leitet er seit 2002 die LeadAcademy für Mediendesign, die sich für die Förderung visueller Qualität im Print- und Online-Markt einsetzt und den jährlichen LeadAward vergibt. www.leadacademy.de

TEXT: Joachim Fischer