Nostalgie auf Schienen. Unzählige Meilen hat der König der Züge seit seiner Jungfernfahrt 1883 zurückgelegt und dabei berühmte Persönlichkeiten, Schriftsteller, Staatsmänner, Filmstars,
Verliebte und Genießer aller Couleur verzaubert. Und kein Luxuszug ist so vielen Menschen ein Begriff, wie der „Orient Express“.

Der Orient Express war in europäischen Adelsund Gesellschaftskreisen der Inbegriff
von Prestige und Chic.

Im Juni 1883 verließ der „Orient- Express“ Paris zu seiner Jungfernfahrt in Richtung Rumänien. 67 Stunden dauerte fünf Jahre später die Reise in dem Luxuszug mit edlen Wandteppichen,
Samtvorhängen und funkelnden Kristallkelchen, ehe Konstantinopel (das heutige Istanbul) erreicht war.

Das Traumprojekt des
Belgiers Georges Nagelmackers wurde zur Jahrhundertwende in europäischen Adels- und Gesellschaftskreisen zum Inbegriff von Prestige und Chic. Auch heute noch wird der rote
Teppich für die Gäste des Zuges ausgerollt. Währenddessen lässt „Chef de Maitre“, Christian
Bodiguel (der schon im „Weißen Haus“ in Washington kochte), Lachs mit Muscheln und Krabben in Safransoße oder Wachteln mit Gänseleberfüllung zubereiten. Ist der Zug einmal in Fahrt servieren Kellner jonglierend die Leckereien auf schwankenden Eisenbahn-Brettern an die Tische. Serviert wird im Restaurantwagen Nr. 4110, die Intarsien aus Edelhölzern im „Etoile-du-Nord-Stil“ sind
stilvoller Rahmen für die Hochgenüsse aus der Bordküche. Lalique Glasdekor sorgt für einen
Hauch von gekrönten Häuptern. Milchglasreliefs zeigen bacchanalische Jungfrauen, im zweiten Restaurantwagen jagen wilde Tiere über die schwarzen China-Lackpaneele der Holzintarsien. Im Speisewagen herrscht eine gedämpfte Atmosphäre. Dicke Teppiche schlucken fast alle Geräusche. Zu Kalbsmedaillon mit süßem Speck und Spinatwaffeln kommt man vor den großen Panoramafenstern der
vorbeiziehenden Landschaft besonders nahe. Das Dessert von Wildkirschen-Custard mit gebackenen Birnen ist als süße Verführung gedacht. Erlesene Spitzenweine aus Bordeaux, Bourgogne und der Loire runden das Menü ab.

Der „Five O’Clock Tea“ mit raffiniertem wie kalorienreichem englischen „Shortbread“ wird von blau-livrierten Dienern im Abteil serviert. Unterdessen suchen einige Reisende den Mörder, man spürt: Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ ist allgegenwärtig. Auch wenn der Zug nicht mehr von London nach Istanbul fährt, sondern nur noch bis Venedig. Für alle die sich diese Reise noch vornehmen, der Mord in Agatha Christies Krimi geschah im Pullman-Speisewagen Nr. 4141. Zum
Abendessen ist Smoking angesagt. Man kann im Orient-Express nie elegant genug gekleidet
sein. Während des Abendessens legt sich zwischen Tirol und der Schweizer Grenze die Nacht über die Landschaft, die von dem Zug elegant umkurvt wird.

Der legendäre Orient-Express rattert über die Schienen, im Barwagen Nr. 3674 klimpert der Pianist auf dem Piano, die Stimmung ist auf dem Höhepunkt: Ascot-Hüte, Boa-Federn, Charleston-Kleider lassen zu Champagner, Kaviarhäppchen und Cocktails die „wilden Zwanziger“ zu neuem Leben erwachen. Mindestens dreißig Nostalgie-Reisende drängen sich auf engsten Raum, knabbern bei Piano- und Saxophon-Klängen Nüsse, Oliven und Kanapees. Gegen Mitternacht wird es still im Orient-Express. Im Erste-Klasse-Schlafwagen Nr. 3438 mit seinen Blumenkörbchen-Intarsien wurde inzwischen von unsichtbaren
Geistern aus dem Sitzsofa ein weiches Bett gebaut. Noch kurz ein Blick auf den Neonlicht-nüchternen Bahnhof des Flughafens Zürich-Kloten. Bei Basel sind die meisten Reisenden in Morpheus’ Armen versunken, träumen vom Orient. Oder vom „Mord im Orient-Express“. Das Frühstück wird im Abteil serviert. Es gibt dampfenden Kaffee, knusprige Croissans und Fruchtsaft, dazu wird die „Herald Tribune“ gereicht, der Aktienund Devisenkurse wegen. In allem eben eine Reise die nicht nur das edle Ambiente und das hochwertige Essen verbindet, sondern eine Reise mit romantisch-nostalgischen Gefühlen die einen Namen hat: Orient-Express.

Der historische Orient-Express
Ursprünglich war der Orient-Express ein aus Schlaf- und Speisewagen zusammengesetzter Luxuszug, der ab 1888 Paris mit dem heutigen Istanbul verband. Er war Teil eines ganzen Netzwerkes aus Luxuszügen und Schauplatz für Film- und Literaturklassiker wie Agatha Christis Kriminalroman „Mord im Orient-Express“.

Alles im Stil der 1920er-Jahre
In dieser Zeit entstand auch der heutige Venice Simplon-Orient-Express. James B. Sherwood, Gründer der Firma Belmond, kaufte Waggons des historischen Orient-Expresses, ließ sie renovieren und stellte sie im Mai 1982 auf die Gleise. Den neuen Zug, aus historischen Teilen, taufte er schließlich Venice-Simplon-Orient-Express.