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Gorden Wagener und Michael Mauer

TEXT  Joachim Fischer  
·  FOTOS  Nico Vetter, Presse  
·  21.10.2021
Gorden Wagener und Michael Mauer im exklusiven Interview. Sie gelten als zwei herausragende Persönlichkeiten, sowohl in ihren Unternehmen als auch im gesellschaftlichen Leben. Gorden Wagener ist aktuell Chief Design Officer der Daimler AG, Michael Mauer ist Leiter Style Porsche bei der Porsche AG.
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Gorden Wagener und Michael Mauer im exklusiven Interview. Sie gelten als zwei herausragende Persönlichkeiten, sowohl in ihren Unternehmen als auch im gesellschaftlichen Leben. Gorden Wagener ist aktuell Chief Design Officer der Daimler AG, Michael Mauer ist Leiter Style Porsche bei der Porsche AG.

Designer – ob sie nun Automobile gestalten oder Produkte – leben immer in der Zukunft. Und dazu passt einmal mehr, dass die Evolution des Automobildesigns in naher Zukunft deutlich an Fahrt aufnimmt. Neue Features und Funktionen erlauben den Kreativen noch größere Freiheiten als bisher. Während die Entwicklungsschritte in puncto Automobildesign in den vergangenen Jahren weniger radikal ausfielen, steht die Gestaltung von Fahrzeugen dank neuer Technologien vor einer Art Zäsur. Für die aktuelle Ausgabe des RETROWELT Magazins hat sich Joachim Fischer mit den führenden Kreativen der Marken über Design, Automobile und Wünsche unterhalten. Über perfekte Linien und diesen Augenblick, in dem man intuitiv weiß, was richtig ist, über die Theorie des Autodesigns und den kreativen Flow. Worte, die den Betrachter faszinieren, die Wünsche wecken – allen voran den Wunsch, selbst ein Auto der beiden Marken zu besitzen oder zumindest einmal zu fahren.

Herr Wagener, Herr Mauer: Wie lebt es sich so in der Zukunft?

Wagener: Hervorragend, auch in den aktuell herausfordernden Zeiten und ganz digital. Im Design arbeiten wir seit langem sehr digital rund um den Globus, da braucht es für „out of office“-Aktivitäten keine Eingewöhnung. Trotzdem würde ich gerne wieder mehr in unseren Studios vor Ort mit meinem Team gemeinsam an neuen Modellen arbeiten und mich direkt mit ihm austauschen. Design lebt auch vom Dialog und wir Designer reden ja alle gern und viel (lacht).

Mauer: Die Herausforderungen waren groß. Wegen Corona sind aktuell noch nicht alle Kollegen wieder vollständig aus dem Homeoffice zurückgekehrt. Für uns Designer ist der persönliche Austausch sehr wichtig – unsere Arbeit ist weniger rein digital möglich als das in anderen Bereichen der Fall ist. Ich stimme Gorden zu, der Dialog und Austausch untereinander sind für uns sehr wichtig.

Dann bitte ganz konkret: Wie schaffen sie und ihre Teams es, dem Zeitgeist vorauszueilen? Und wie genau sieht das aus?

Wagener: Dem Zeitgeist vorauseilen, ihn zu erfinden, ist der Kern unserer Arbeit. Die Vergangenheit steht in Büchern, wir Designer schreiben die Geschichte von morgen. Das ist für mich das Größte an unserem Beruf. Wir haben uns schon vor Jahren eine Design-Philosophie gegeben: Wir nennen sie Sensual Purity und arbeiten in jedem Projekt danach. Sensual Purity gibt den Stil unseres Hauses vor, den wir pflegen und beständig weiterentwickeln. Immer mit dem Ziel, das Besondere zu gestalten – den X-Factor, wie wir sagen. Wir haben uns ein tiefes Verständnis der Marke und unseres Luxus erarbeitet, der in jedem Auto sichtbar wird: Der neue EQS ist das beste Beispiel dafür.

Mauer: Was denkt der Designer am Morgen? Er denkt an morgen. Ein Wortspiel mit viel Wahrheitsgehalt. Die Aufgabe des Gestalters ist es, den Blick über das Jetzt hinaus in die Zukunft gerichtet zu halten – und das im Prinzip ständig. Es wird zu seinem inneren Wesen. Betrachtet man das Denken eines Designers im Detail, wird man sogar feststellen, dass er tatsächlich nicht im Heute lebt, sondern grundsätzlich eine Spur voraus ist. Dabei ist es bei Porsche weiterhin von großer Wichtigkeit, die Formen der Vergangenheit zu kennen und ihre Wirkungsweise analysiert zu haben. Designer denken oft weit voraus, aber nie geradlinig: Sie denken – nennen wir es eher: „turbulent“. Das gilt ganz allgemein und insbesondere für Stylisten in der Automobilindustrie.

In den Ausgaben von RETROWELT treffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem äußerst ansprechenden Editorial aufeinander. Was ist für Sie das besondere am Design von Porsche in all den Dekaden?

Mauer: Wir haben über Tradition gesprochen. Mit dem Hintergedanken, dass jedes Kind einen Porsche (oder VW Käfer) zeichnen kann. Mit der damals revolutionären Form des Wagens folgte Porsche den Regeln der Aerodynamik – ohne Extravaganz. Er überzeugte durch eine schlichte Form, die selbstverständlich wirkt. Man würde nie auf den Gedanken kommen, dass bei jedem Modell und jeder Dekade hier Designer um jede Linie gerungen hätten. Aber wie immer, wenn etwas ganz leicht wirkt, steckt meist viel Arbeit dahinter.

Wagener: In einem Wort: Begehrlichkeit. Jeder Mercedes muss ein Kribbeln auslösen, es muss sich anfühlen wie Schmetterlinge im Bauch, wenn wir uns verlieben. Wenn Sie jede Fahrt genießen, auf dem Parkplatz auf ihr Auto angesprochen werden und Daumen hochgehen beim Vorbeifahren, dann haben wir alles richtig gemacht.

… und bei Mercedes?

Mauer: Genau um diese Art der „Likes“ wetteifern wir ja ständig.

Ich bin überzeugt, dass Sie beide im tiefsten Inneren für dasselbe brennen. Beneiden Sie Ihre Kollegen von früher?

Wagener: Ein bisschen um ihre technische Freiheiten vielleicht. Wir haben heute viele Regularien, Gesetze und Vorschriften, die es zu beachten gilt. Die Unterschiede zu früher sind vielfältig: Wir haben viele technische Hilfsmittel, die uns helfen, noch präziser und feiner zu arbeiten. Wir arbeiten strategischer als unsere Vorgänger, unser Vorstand versteht Design und als Asset genießt Design, zumindest bei Mercedes, viel Aufmerksamkeit im Unternehmen und darüber hinaus. Zu guter Letzt: Wir gestalten analoges und digitales Design, da hat sich eine ganz neue Erlebniswelt für den Kunden aufgetan. Nehmen Sie MBUX, unser digitales Betriebssystem – an solche Möglichkeiten war vor 20, 30 Jahren gar nicht zu denken. Wir prägen mit jedem Produkt aktiv die Zukunft der Marke, da hat sich viel verändert. Ich muss mich korrigieren: Nein, eigentlich beneide ich unsere Kollegen von früher nicht.

Mauer: Dem kann ich mich nur anschließen. Zudem, so glaube ich, hat sich so dramatisch viel gegenüber früher nicht verändert. Wir versammeln uns alle immer noch um das Feuer, das für das beste, schönste und begehrlichste Design brennt. Dabei ist die Technik zweitrangig, auch wenn wir heute durch die Computerprogramme unendlich mehr Möglichkeiten haben. Aber ich persönlich setzte mich immer noch gerne hin und skizziere einfach mit dem Bleistift los.

Der Begriff Design wurde erstmals von Giorgio Vasari im 16. Jahrhundert erwähnt als „Disegno“, was so viel wie Skizze, aber auch künstlerische Idee eines Werkes bedeutet. Das „Disegno interno“ beinhaltet das Konzept, das „Disegno esterno“ das vollendete Kunstwerk selbst. Wie würden sie Design definieren?

Mauer: Design ist die Klarheit ihrer Positionierung und die darin liegende Kraft, sich immer wieder neu entdecken zu dürfen. Design ist auch erster Botschafter der Marke und fasst die Kernelemente der Marke zusammen, um nicht den Verstand, sondern die Herzen der Kunden anzusprechen – und das kann eine ziemliche Herausforderung sein. Autos werden sich technisch immer ähnlicher werden. Das Design wird langfristig die Differenzierung schaffen.

Wagener: Design macht Produkte in ihrer physischen, aber auch digitalen Form wunderschön und begehrenswert. Design inszeniert Technologie, die sonst im Verborgenen schlummert und emotional schwer zugänglich ist. Design prägt und gestaltet Marken. Ich erkläre uns als Verführer. Unsere Kunden sollen mit dem Ergebnis unserer Arbeit sehr lange glücklich sein. Design ist die emotionale Bindung zwischen uns als Marke, dem Produkt und dem Kunden. Design verkauft Autos, zumindest bei Mercedes, da ist das Design ein maßgeblicher Kaufgrund.

Was ist der weitverbreitetste Irrtum über Designer?

Wagener: Dass wir alle den ganzen Tag in schwarzen Rollkragenpullovern rumlaufen.

Mauer: Das ist eine spannende Frage. Ich glaube, es ist ein Irrtum, uns Designer nur als Künstler zu sehen. Wir werden oftmals unterschätzt, außerhalb der Wahrnehmung sind wir aber ein ernstzunehmender Teil eines industriellen Prozesses.

Herr Mauer, was würden Sie denn spontan hier Herrn Wagener fragen wollen?

Mauer: (lacht) Schon zu meiner Zeit war es beeindruckend zu erkennen, wie man bei Mercedes einerseits für Volumen steht und anderseits den Designanspruch so hoch als möglich halten möchte. Ich glaube, dass Gorden hier Trends erkennt und setzt und dass er es versteht, diese zu einem Erfolg zu formen.

Herr Wagener, ich formuliere eine Frage daraus: Was macht Mercedes zu einem Erfolg? Sie haben mit Ihren Entwürfen eine Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen gewonnen. Was treibt Sie zu solchen Höchstleistungen an?

Wagener: Wenn ich Ihnen alles verrate, bin ich raus (Wagener lacht laut). Im Ernst: Bei uns dachten alle, sie wissen, was einen Mercedes ausmacht – seit Generationen. Dann kam 2008 ein 39-jähriger Nobody und schreibt mit seinem Team eine Design-Philosophie auf. Erst haben alle Externen gelacht, aber wir haben durch Design aus dem tradierten Luxus einen modernen Luxus geschaffen, der weltweit begehrt wird. Heute verkaufen wir erfolgreich die unterschiedlichsten Modelle, die als Mercedes ganz bewusst gekauft werden. Wir erschaffen mit MBUX eine digitale Interaktion zwischen Mensch und Maschine, das ist ein tolles Gefühl. Am Ende ist es das tiefe Verständnis der Marke, das unseren Erfolg ausmacht. Dabei sind mir Preise nicht egal, aber sie sind mir nicht so wichtig, denn ich bin überzeugt von dem, was wir tun. Als Bestätigung für das ganze Team finde ich sie klasse, weil das Lob dann von außen kommt. Ich bin unendlich stolz auf das gesamte Team. Und wie alle Designer wollen wir Ikonen schaffen: Der nächste Entwurf soll noch besser werden – das treibt uns alle an.

Wenn ich einmal nicht weiterkomme schnüre ich meine Laufschuhe oder bin in einem Museum anzutreffen. Bei Stefan Bogner habe ich traumhafte Ski-Fotos von Ihnen gesehen, Herr Mauer. Sind Skifahren und die Stille der Natur Ihr Ausgleich?

Mauer: Skifahren ist für mich eine perfekte Möglichkeit, meinem Unterbewusstsein die Möglichkeit zu geben, Dinge zu verarbeiten und neue Ideen zu entwickeln. Skifahren, die Natur und die Berge, das ist alles so weit weg von der Automobilindustrie. Am Ende könnte man auch sagen, Skifahren ist perfekt dazu geeignet, das Gehirn maximal mit Sauerstoff zu versorgen. Für mich ist das DER Treibstoff für Kreativität…

Herr Wagener, bei Ihnen weiß ich, dass Sie beim Surfen anzutreffen sind. Wo kann Surfen einem Designer bei Mercedes helfen?

Wagener: Beim Fokussieren auf einen Punkt, auf die eine Welle. Beim Surfen gibt es nur dich, die Welle und Natur. Und je nach Welle, Wind und Wetter auch besser keinen Fehler. Ich bekomme beim Surfen den Kopf frei, bin ganz bei mir und in der Natur. Wenn ich danach auf den Strand gleite, fühle ich mich wie neugeboren. Aktuell ist das ein bisschen schwierig, weil ich kaum unterwegs bin, also behelfe ich mir mit Mountain-Biken, Laufen und Ölmalerei. Außerdem bleibt gerade mehr Zeit für die Familie, das ist für mich Vielreisenden auch großartig.

Zuletzt stelle ich all meinen Interviewpartnern immer eine ähnliche Frage: Herr Wagener, wohin würden Sie gerne mit Herrn Mauer auf Ausfahrt gehen? Welche Route würden Sie wählen?

Wagener: Das ist schnell erzählt: Wenn es nach mir geht, tref- fen wir uns in Stuttgart, und fahren gemeinsam elektrisch nach München zur IAA Mobility. Da unsere beiden Marken coole elektrische Modelle im Portfolio haben, losen wir einfach aus, wer fährt und dann plaudern wir die ganze Fahrt über das, was uns beide verbindet: viele Jahre bei Mercedes, noch mehr Jahre im Automobildesign. Abends stoßen wir beide in München darauf an und freuen uns, dass wir wieder viele Kollegen, viele Journalisten, noch mehr Besucher und viele tolle Automobile zu sehen bekommen.


… und Sie, Herr Mauer? Wohin fahren Sie mit Herrn Wagener?


Mauer: Ein Porsche ist immer auch ein Auto fürs Direkte, für die schnelle Kurve. Damit ist die Route ganz eindeutig: in die Berge! Schöne Alpenpässe, kurvige Straßen. An der Seite ein Mensch, der diese Leidenschaft teilt.

Dieser Artikel ist in der RETROWELT Ausgabe #21 erschienen

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