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Mann mit Cowboyhut #Arturo Merzario

TEXT  Raimund Berger  
·  FOTOS  Rosario Liberti, ROYALE77, Archiv  
·  21.10.2021
Der Italiener Arturo Merzario gibt noch immer Vollgas, auf den Rennstrecken genauso wie abseits davon. Der kleine Mann mit dem Cowboyhut pfeift auf politische Korrektheit.
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Die Formel-1-Statistik tut Arturo Merzario unrecht. Dem in Civenna bei Como geborenen Norditaliener werden 57 Formel-1-Starts zugeschrieben, aber das Timing für den kleinen Mann mit dem großen Cowboyhut hat nie gestimmt – selbst dann nicht, als Merzario Ferrari-Werkspilot war. Für den berühmtesten Rennstall der Welt reichte es 1973 in Brasilien und Argentinien zu zwei vierten Plätzen, im bewährten Modell 312 B2. In den Jahren nach Ferrari fuhr er für Williams, March und Wolf Racing; mit den Resultaten ging es weiter bergab. Arturo Merzario tingelte bis 1979 fortwährend durch die Formel 1. 1976 rettete er auf dem Nürburgring gemeinsam mit Rennfahrerkollegen und Streckenposten Niki Lauda aus dem Feuer. Am Steuer schaffte er oft nicht einmal die Qualifikation, und wenn doch, kam er nicht ins Ziel. Seine letzte Formel-1-Phase wird seinem Können nicht gerecht. Die größten Erfolge feierte er im Sportwagen: Merzario triumphierte auf einigen der schwierigsten Kurse der Welt, wie in Spa-Francorchamps (die alte Version) oder bei der Targa Florio (zweimal). Der heutige Formel-1-Veteran Merzario fährt noch immer bei Veranstaltungen mit historischen Rennwagen mit und bleibt mit seinem strahlend weißen Hut sowie dem sympathischen Knautschgesicht unübersehbar. Mit seiner extrovertierten Art und auffälligen Erscheinung gewann er die Herzen vieler Fans. Als Ferrari vor Jahren vor dem Mailänder Dom den roten Teppich ausrollte, um 90 Jahre Rennsport zu feiern, wurde Merzario wie ein Pop-Star empfangen. Er war sichtlich berührt. Denn im Grunde ist es ein Wunder, dass er überhaupt so alt geworden ist. Viele seiner Weggefährten hat er verloren, was beim Zustand der damaligen Rennstrecken wenig verwunderlich war. „Die Dinge neben den Straßen, wie Bäume und Ähnliches, waren am gefährlichsten. Aber die Rennfahrer haben sich relativ gut darauf einstellen können. Der Motorsport begann nunmal auf Straßen“, erklärte er einst Michael Hintermayer im Rahmen der Ennstal-Classic. „Wir hatten nie Geld – und wir hatten noch viel weniger Ahnung” Gern erzählt Merzario aber auch aus den Jahren, als er seinen eigenen Rennstall hatte, das Team Merzario. Es begann 1977 mit einem kaum modifizierten March 761B, ging 1978 weiter mit dem Merzario A1 (der nur ein umgebauter March war) und sieben Ausfällen in acht Rennen. 1979 kam der A2 (der auch als A3 bezeichnet wurde), doch auch damit gewann der Italiener keinen Blumentopf. 1979 übernahm er dann noch das Team Kauhsen – und handelte sich damit einen Wagen ein, der noch langsamer war als seine eigenen Konstruktionen. Es ist durchaus charmant, wenn Merzario aus jenen Jahren erzählt, wie sie einmal in der Nacht vor dem Rennen das Hewland-Getriebe auseinanderbauten – und dann keinen Schimmer hatten, wie sie das Puzzle wieder zusammensetzen sollten. Merzario über seine Karriere als Formel-1-Team-Besitzer: „Wir hatten nie Geld – und wir hatten noch viel weniger Ahnung.“

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Niki Laudas Unfall auf dem Nürburgring

Unsterblich machte ihn jedoch dieser heroische Augenblick 1976 am Nürburgring: Am 1. August startete dort der Große Preis von Deutschland am Nürburgring mit seiner berüchtigten Nordschleife – der „grünen Hölle“. Es sind die gefährlichsten Jahre der Formel 1, eine Ära, in der der Tod immer mitfährt. Piers Courage und Jochen Rindt, Jo Siffert und Roger Williamson, François Cevert, Peter Revson und viele mehr haben allein in der ersten Hälfte der Siebziger bei Rennen, Trainings und Testfahrten ihr Leben gelassen. Jetzt steht der amtierende Weltmeister Niki Lauda neben dem anderen Titelaspiranten James Hunt in der ganz vorn am Start. Lauda hat von den ersten neun Rennen fünf gewonnen und Hunt nur zwei, damit hat der Österreicher einen komfortablen Punktevorsprung. Aber er ist nervös. In den Tagen vor dem Rennen hat der Ferrari-Pilot immer wieder betont, dass er den Nürburgring nicht mehr Formel-1-tauglich findet. Noch dazu hatte es am Morgen geregnet, die Bahn ist nass. Alle fahren mit Regenreifen, aber da kein weiterer Niederschlag mehr fällt, wechseln sie nach der ersten Runde auf Slicks. In der ganzen Konfusion verliert Lauda mehrere Plätze und versucht, sofort nach der Box wieder Boden gutzumachen. Im Streckenabschnitt Bergwerk passiert es. Lauda verliert die Kontrolle über seinen Ferrari 312 T2. Der prallt mit 220 km/h gegen eine Böschung und wird zurück auf die Strecke geschleudert. Guy Edwards kann ihm noch ausweichen, aber Brett Lunger und Harald Ertl rammen das brennende Wrack. Die drei Fahrer springen aus ihren Wagen, stehen aber unter Schock und wissen nicht, was sie tun sollen. Dann stoppt auch Arturo Merzario. Er, der also nicht unmittelbar in den Unfall verwickelt gewesen ist, hält seinen March zwischen Breidscheid und Bergwerk an, klettert aus dem Auto, rennt zum brennenden Ferrari 312 T2 des Österreichers und wirft sich ohne zu zögern in die Flammen. Er schafft es, Lauda zu befreien, löst den klemmenden Sicherheitsgurt (was vorher Brett Lunger, Harald Ertl und Guy Edwards vergeblich versucht hatten), und zieht Lauda mit Hilfe von Ertl aus dem Wagen. Zusammen mit Ertl leistet er auch erste Hilfe, massiert Laudas Herz, beatmet ihn. Jahre später sagte er zu ihm: „Ich hörte Deine Schreie. Du warst leicht wie eine Feder.“ Man muss wissen, dass Merzario und Lauda nicht gerade Freunde waren. Die meisten Fahrer hatten wenig Sympathien für den egozentrischen Österreicher. Doch für die Rettung spielte das keine Rolle. „Du tust, was du tun musst“, sagt Merzario. „Niki schrie vor Schmerz und Angst. Sein Körper war so angespannt, dass ich die Sicherheitsgurte nicht gleich lösen konnte. Die Hitze war so extrem, dass ich ein paarmal einen Schritt zurückgehen musste. Beim dritten Versuch war er bewusstlos und es gelang mir, das Gurtschloss zu öffnen.“ Obwohl Lauda dem Tod näher war als dem Leben, kämpfte sich der Österreicher mit einer unvorstellbaren Kraftanstrengung zurück ins Leben. Nur 41 Tage nach seinem Unfall saß er wieder im Cockpit seines Ferraris, beim Großen Preis von Italien in Monza. Bei dieser Gelegenheit sah Lauda auch zum ersten Mal seinen Retter. Man würde denken, dass er Merzario unendlich Respekt zollen würde, aber das schien nicht der Fall zu sein. „Er lief einfach an mir vorbei und sagte nicht einmal danke“, erinnert sich der Italiener.

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Niki Lauda dankte seinem Schutzengel Arturo Merzario erst spät für seine Heldentat auf dem Nürburgring mit einer Rolex

Später versuchte Lauda, seinen Fauxpas wiedergutzumachen, als Merzario und er am Salzburgring an einem Sportscar-Rennen teilnahm. „Dort stand er auf einmal vor mir, um mir die Rolex zu geben“, sagt Merzario, der sich in seinem Stolz so verletzt fühlte, dass er sie nicht annehmen wollte. Und schon gar nicht auf die Weise, wie sie ihm gegeben wurde: „Niki nahm die Uhr achtlos von seinem Handgelenk. Es war eindeutig so, dass er sie nicht extra für mich gekauft hatte.“ Verschiedene Stimmen berichten, dass Lauda die goldene Uhr ein paar Wochen zuvor für seine Pole Position in Monaco gewonnen hatte. Laut Merzario wiederum hatte Lauda die Uhr von seiner damaligen Freundin Mariella von Reininghaus als Geschenk für den WM-Titel 1975 erhalten. Wie auch immer, die Uhr scheint für Lauda keinen großen Wert gehabt zu haben. Schließlich überzeugte Merzarios Teamchef Carlo Chiti seinen Fahrer, das Geschenk zu behalten. Aus den Augen verloren haben sich Lauda und Merzario nie. Erstmalig über den Unfall haben sich beide dann bei einem Autorennen in Havanna ausgesprochen. Dort ging Lauda zu ihm und sagte allen: „Das ist der Mann, der mein Leben gerettet hat.“ Emotionen raus und gleich wieder rein: „Als Rennfahrer darfst du nie zeigen, was du fühlst. Wir leben nie im Gestern. Für uns zählt das Jetzt und das morgen.“ Der heutige Motorsport macht auf Merzario wenig Eindruck: „Ich denke nicht, dass die heutigen Techniker und Ingenieure unglaubliche Genies sind. Die haben ein Millionen-Budget und fast unbeschränkte Mittel und Ressourcen zur Verfügung. Damals haben die Techniker und Ingenieure aus einfachen Materialien und Rohren Rennautos gebaut. Daraus resultierte Gefahr, weil das immer wieder kaputtgegangen ist. Das ist ganz wichtig im Vergleich zu heute. Heute gehst du in ein Labor und testest die Teile tausend Mal. Wir hatten das nicht. Wir haben statt dem Windkanal Wollfäden an das Auto gehängt und testeten auf einem Flugplatz.“ Er ergänzt „Der große Unterschied ist, dass früher bis zu 35 Fahrer am Start standen, die alle imstande waren, den anderen zu schlagen. Jeder ist mit dem Messer zwischen den Zähnen gefahren.“

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Arturo Merzario ist kein Freund politischer Korrektheit.

So hat er sich bereits mehrmals kritisch über das gesellschaftliche Klima geäußert. „Wir dürfen keine Fehler mehr machen“, beklagte er vor Kurzem bei einem Fotoshooting. Wie geschaffen für die heutige Zeit und prädestiniert für das Covermotiv der RETROWELT #21. Abgesehen von seinen gefärbten Haaren und seinem runzligen Gesicht sieht Merzario immer noch so aus wie in seiner großen Zeit: Er steckt in einem hellblauen Rennanzug – die Farbe typisch für die Sechziger und Siebziger – und trägt auf dem Kopf einen weißen Cowboyhut. Genau wie die Hüte, die er immer für den Sponsor Marlboro trug. Das heißt freilich nicht, dass Arturo Merzario in der Vergangenheit lebt. Ob Tourenwagen, GTs oder historische Rennwagen: Der Italiener fährt nach wie vor. Und er liebt es.

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Diese Photographie mit eigenhändiger Unterschrift zeigt Arturo Merzario Racing Ferrari bei den 24 Stunden von Le Mans (7 x 5 Inch, signiert mit schwarzem Filzstift, in sehr gutem Zustand). Quelle Ebay

Dieser Artikel ist in der RETROWELT Ausgabe #21 erschienen

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