THE RACE GO ON

Jede Zeit prägt seine Helden.

Jochen Mass wurde am 30. September im Jahre 1946 in Dorfen bei München geboren. Im Laufe seiner Karriere bestritt er 105 Läufe in der Formel 1, gewann 1975 in Spanien und holte insgesamt 71 WM-Punkte. Vielen jüngeren Formel1-Fans ist er zudem als ehemaliger Co-Kommentator des Privatsenders RTL wie als offizieller Markenbotschafter von Mercedes-Benzund Retro Promotion bekannt. Anlässlich der Veranstaltung EUROMOTOR nahm sich Jochen Mass die Zeit um mit uns ausführlich über seine Karriere und den modernen Rennsport zu sprechen.

Im Motorsport von früher dominierten neben echten Typen auch die mit öligen Finger und Schwielen an den Händen. Diese goldene Ära des Motorsports
war auch die goldene Zeit von Jochen Mass. Nicht, dass er den Rennsport inzwischen eingestellt hätte, nicht, dass es ihm heute keinen Spaß mehr machen würde. Aber ein klein wenig noch mehr Spaß, nicht wahr, hat es damals durchaus gemacht. „Alle Formel-1-Fahrer fuhren auch noch andere Sportwagenrennen“, erinnert
sich Mass. „Die Zuschauerzahlen gingen
in die Hunderttausende, die Eintrittspreise waren moderat, und das Fernsehen war damals keine Alternative. Jedes Rennen war ein Wochenendausflug und zugleich ein Volksfest.“ Und jedes Rennen war Motorengebrüll und der Duft von Benzin, Öl und Reifenabrieb. Und es war auch ziemlich gefährlich. Sehr gefährlich, äußerst, extrem gefährlich. Sicherheitssysteme? Sicherheitszonen? Pah! Der Tod saß auf dem Beifahrersitz. Wie schon Hans Herrmann berichtete, war man froh die Wochenenden überlebt zu haben. Andererseits: Die Fahrer waren damals keine Hochleistungsmaschinen, die langweilige Sachen ins Mikrofon sagen müssen, sondern wagemutige Gestalten und immer für eine Eskapade gut (Siehe James Hunt in Retrowelt Ausgabe 1. A.d.R.). Und das war: gut. Jochen Mass ist deshalb auch ein Zeitzeuge wie es selten einen gibt. Seit er 1973 zum ersten Mal für die Formel-1 startete, ist er Rennfahrer mit Leib und Seele. Und seine Erinnerungen sind beeindruckend.

Die Zeiten sind vorbei, als ein Autorennen noch ein aufregendes und glamouröses Erlebnis war. Was heute zelebriert wird hat, nüchtern betrachtet mit der vergangene Zeit nichts mehr gemein. Aber träumen wird man ja noch dürfen, und wir hatten mit unserem Gesprächspartner genau den richtigen gefunden. Wer nun allerdings vermutet, das hier von der guten alten Zeit a la „früher war eh alles besser“ geschwärmt wird, sieht sich eines Besseren belehrt. Und wer in diesem Leben noch etwas über charmante Bescheidenheit lernen möchte, findet in Jochen Mass seinen Meister. Und was ist mit seinem ganz persönlichen Fieber, der Leidenschaft, dem Rausch des Rennens? Mass zieht seine Stirn in Falten, überlegt besonnen. „Ich mag es, Rennen zu fahren, aber dies auf eine Leidenschaft reduzieren, nein, das würde ich nicht.“ Nach einem Atemzug spricht er weiter, wieder verzieht sich seine Miene. „Für das was ich tun durfte habe ich ein stilles Empfinden der Dankbarkeit.“ So kann man es auch formulieren.

Neben der unmittelbaren Faszination latenter Todesgefahr, dröhnender Rennmotoren und hoher Geschwindigkeit sprechen wir auch auch über Lebensgefühl jener Zeit. Einer Zeit, in der in den Boxen auch noch ganz selbstverständlich ein Tschick nach dem anderen geraucht wurde. Im Waschbärfell-Mantel wie mit Rennhelm wurde das Gefühl jener Generation eindrucksvoll zur Schau gestellt.

1973 holte John Surtees Sie in die Formel 1. Sie fuhren drei Rennen neben Carlos Pace und Mike Hailwood und auch diese GP-Wochenenden waren von schweren Unfällen überschattet.
In Silverstone hatte ich mein erstes Rennen, da war ein Riesenunfall, eine Massenkarambolage mit Jody Scheckter. Es ist aber nichts passiert. Beim GP in der USA 1973 in Watkins Glen kam Francois Cevert ums Leben. 1974 in Südafrika kam dann Peter Revson ums Leben. Einige Wochen später standen wir in Kanada am Start und dann fährt der Riccardo Paletti den Didier Pironi hinten drauf und ist tot. Es ging immer Schlag auf Schlag, einer nach dem anderen. Da hab ich mir gedacht, das kann doch nicht sein. Das war schon eine sehr gefährliche Zeit, aber es war halt so.

Was empfanden Sie dabei?
Ich habe das damals anders gesehen wie heute im Rückblick. Ein gewisser Fatalismus war Part oft he Deal. Wir waren ja auch etwas Besonderes, ich war einer der damals dreißig weltbesten Rennfahrer. Das hat Dich geprägt. Die Zeiten waren andere, man spürte das Heroische. Heute bin ich Dankbarer, fast demütig.

Die guten alten Zeiten?
Das ist tatsächlich so und diese Rennen, wenn man so will, die hatten mehr Substanz, die hatten einfach mehr, da war etwas da, was dich irgendwie anders berührte. Es geht nicht nur mir so, sondern es geht eigentlich allen Leuten aus dieser Zeit so. Auch jetzt noch, wenn ich in Goodwood dabei bin und dort auch fahre, da ist mehr da, da bleibt auch mehr zurück. Das ist ganz eigenartig, du kämpfst dann schon mit einem anderen Bewusstsein, gegen die Materie, gegen die Rennstrecke und gegen die Umbildung der Sicherheit, wie sie ist und dargelegt wird. Am alten Nürburgring, da ist auch nicht viel passiert im Verhältnis zu heute – ein Unding, Blödsinn, weil du anders gefahren bist, mit ein wenig mehr Respekt, etwas vorsichtiger und trotzdem am Limit, in einem vertretbaren Limit. Trotzdem, ich meine, ein Vettel oder Hamilton wären auch damals schnell gewesen, wer weiß, vielleicht auch besser, das ist so, wohl auch umgekehrt, aber das ist ja müßig, sich darüber Gedanken zu machen.

Apropos Goodwood. Als Markenbotschafter von Mercedes wie der Retro Promotion scheinen alte Renn- und Sportwagen Sie immer noch zu faszinieren. Was macht eigentlich der Reiz von historischem Motorsport für Sie aus?
Schwierig das kurz zu beantworten. Historischer Motorsport, das ist die eigene Jugend, die plötzlich wieder wach und lebendig wird. Plötzlich wird es wieder greifbar, was einen selbst zur Rennerei brachte. Die Autos, die Atmosphäre. Alles kommt innerhalb von Sekunden wieder zurück. Es packt einen und zieht Dich mit.

Also pure Faszination?
Nein, es ist viel mehr als das. Faszination ist für mich ein inadäquates Wort. Es ist eine Ära, eine Epoche des eigenen Lebens. Es ist ein Bestandteil von Dir. Und hinter dem Steuer versucht man, genau diesen jungen, lebendigen Teil des Lebens über die Zeit zu retten. Ich bin nicht fasziniert. Das wäre zu oberflächig. Nein, ich liebe das, was ich tue. Wenn Du startest, den Gang einlegst und aufs Gas gehst. Die Fahrzeuge, das Handling, die Geschwindigkeit und dieses ganz spezielle Gefühl hinter dem Steuer. All das berührt mich.

Das Mobiltelefon klingelt zum wiederholten Male, Mass ignoriert das nervige Geräusch, das so gar nicht zu der vergangenen glorreichen Zeit zu passen scheint, die ruhmreiche Zeit des Jochen Mass, in der nur Stille oder der Sound der Motoren existierte, in der alles schlicht, einfach und bedeutend war. In wenigen Minuten geht er hinaus in die Gegenwart, hinaus in die Nacht. Wie wichtig ist ihm der Glamour im Rennsport? „Sie müssen etwas wissen,“ sagt er und lehnt sich vor. „Für mich war die Gefahr niemals glamourös. Es war auch nicht die Geschwindigkeit, die mich lockte. Man gewöhnt sich sehr rasch an sie.“ Er fixiert mich Gegenüber, dann hebt sich sein Blick. „Der Glamour ist, zu überleben. Und wir sind Überlebende einer längst vergangen Ära.“ Dann steht er auf, bedankt sich ausnehmend höflich und geht nach Hause.

DU WIRST NIEMALS VERLERNEN, WIE MAN RAD FÄHRT.
UND AUCH NIE, WIE MAN EINEN 94ER WILLIAMS FÄHRT.

DER GLAMOUR IST ZU ÜBERLEBEN. UND WIR SIND ÜBERLEBENDE EINER LÄNGST VERGANGENEN ÄRA.

GESPRÄCHE ÜBER RUHM UND EHRE FEGT
 ER WEG WIE KRÜMEL VON EINER TISCHPLATTE.

Mehr über Jochen Mass
www.jochen-mass.de

TEXT: Joachim Fischer