Lebensart

DIE SCHUHE DER RENNFAHRER

TEXT  Barbara Esser  
·  FOTOS  Thorsten Doerk  
·  2.04.2021
Wir alle kennen Rennfahrer – sie alle kennen „Ciccio" Liberto. Jahrzehntelang fertigte der Schuster aus Sizilien die Schuhe der schnellsten Männer der Welt.
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Eine Tür, ein Fenster, das war’s. Von außen gleicht das Geschäft jenen typischen mediterranen Kiosk-Geschäften. Im Laden selbst taucht man in eine andere Welt ein. Überall findet man Schuhmacher-Leisten, Formen und Lederstücke. Dazwischen stehen Schuhe in allen erdenklichen Farbkombinationen: kunterbunte, weiße und beige. Die Fußkleider liegen durcheinander, heillos aufeinandergestapelt auf Schuhkartons, wie auf einem Schluss-Verkaufs-Wühltisch. Normale Straßenschuhe oder filigrane Leder-Exemplare mit einer dünnen Sohle und einer Sechs-Ösen-Schnürung. Der Blick bleibt an Aufnahmen von Ignazio Giunti, Nanni Galli und Vic Elford hängen. Mit ihnen fing 1964 alles an, Francesco Liberto, den sie alle „Ciccio“ nennen traf die Alfa-Piloten Giunti und Galli in einem Restaurant in Cefalù. Der junge Schuhmacher, magisch angezogen von dem personifizierten Gemisch aus Wagemut, Temporausch und Technik, fand schnell Anschluss. Bei einer Pizza erzählte er den beiden Rennfahrern von seinem Handwerk. Und nahm den Auftrag, ihnen spezielle Rennfahrerschuhe anzufertigen, mit in seine Werkstatt. Weich sollten sie sein, mit einer dünnen Sohle, rahmen- und absatzlos wie ein Ballerinaschuh, damit der Träger das Gefühl für das Gaspedal bewahrte. „Unsägliche Schuhe hatten die Rennfahrer damals“, erinnert er sich. Manche gingen mit Turnschuhen an den Start. Andere trugen schwere, genagelte Schuhe mit breitem Rahmen – komplett ungeeignet für ein Rennen. „Ich habe die Rennschuhe erfunden“, strahlt der Sizilianer noch heute. 

Ciccio Liberto FENSTERBILD

„Ich hatte keine Ahnung, wie ich die machen sollte“, gesteht Ciccio im Rückblick. Er machte sich an die Arbeit und brachte dem Piloten wenige Tage später die Schuhe. Unbewusst schuf er das Design, das bis heute Kunden aus aller Welt in seinen Laden führt: knöchel- oder stiefelhoch, geschnürt, mit abgesteppten Seitenflanken in kraftvollen Farben, gern jenen des Landes, aus dem ihr Besitzer kommt. Giunti war hellauf begeistert und so fing der Siegeszug der Latschen mit den dünnen Sohlen an. Ciccio fertigte von jedem Rennfahrer-Fuß eine Skizze an. Mit ruhiger Hand zieht Ciccio die Schnitte und Nähte durch das weiche Nappa, spannt das Leder über die Leisten, formt und glättet es. Bis heute.

Soul Made: Ciccio Racing Shoes

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In sich versunken zeichnet er mit dem Finger kurvige Linien auf ein vergilbtes Blatt Papier nach. Es ist ein Umriss des Fußes eines berühmten Rennfahrers. „Als ich 1975 einen Anruf von Ferrari bekam, war ich wie vom Donner gerührt. Ich sollte doch tatsächlich Schuhe für die Scuderia machen“, erzählt er mit ehrfürchtig bebender Stimme. Dazu präsentiert er uns einen seiner Schätze. Ein schlichter schwarzer Leder-Rennschuh: „Niki Lauda hat 1977 mit diesem Modell die Weltmeisterschaft gewonnen“. Anders als sein Rivale James Hunt, der die Spitzen seiner Schuhe einfach abschnitt, schwor der österreichische Perfektionist Lauda, auf die sizilianische Maßanfertigung. Und auf das Gefühl, das sie seinen Sohlen zum Bremsen und Gasgeben verlieh. Die Wände des Ladens sind gefüllt mit Fotos, die die Formel-1-Stars mit seinen Schuhen zeigen. So auch eine Widmung von Sebastian Vettel. „Für Herrn Cicco. Danke für die Schuhe!“, bedankt sich der Jungspund artig. Cicco – ohne zweites „i“. Es sei ihm verziehen, auch viermalige Formel-1-Weltmeister machen Fehler.

Ciccio Liberto

Jacky Ickx, Herbert Linge, Carlos Reutemann, Leo Kinnunen, Niki Lauda, Clay Regazzoni, Sebastian Vettel, Gerhard Mitter – sie alle ließen Maß nehmen von Ciccio, ebenso wie der deutsche Schauspieler Daniel Brühl, der Niki Lauda im Formel-1-Epos Rush spielte. Fast wehmütig denkt der 82-Jährige zurück: An Alain Delon, dem er während der Dreharbeiten für den Film Der Leopard schwarze Schuhe nähte. An Romy Schneider, deren Füße ihm „wie Zwiebeln“ vorkamen, auf die er Sandalen anpasste, was ihm nicht leicht fiel. Oder an den italienischen Liedermacher Lucio Dalla, einem begeisterten Porsche-Fahrer, der rot-weiße Schuhe bestellte. Ciccios aktive Zeit endete zu dem Zeitpunkt als die FIA feuerfeste Rennschuhe vorschrieb. Seine berühmten Rennschuhe macht er nur noch für spezielle Kunden. Wie viel die Schuhe eigentlich kosten, weiß keiner. Der Preis ist Verhandlungssache – für Rennfahrerfreunde sind die Schuhe aber heute umsonst. Ein Kunst-Handwerk der besonderen Art. Und so verwundert es kaum das vor einigen Jahren die UNESCO Ciccios Handwerk in den Rang des Weltkulturerbes erhob.

Damit man nicht ewig im Internet stöbern muss, hier geht es zur Website von Francesco Liberto.

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